Das war passiert
Wir hatten ein 90jähriges, noch völlig selbständig lebendes Familienmitglied mit einem schweren Schlaganfall mit anschließender Verschlechterung über neun Monate über Pflegegrade drei, vier, fünf und dann Palliativ-Betreuung und Tod.
So habe ich das wahrgenommen
Mein völlig subjektiver Eindruck war, dass die nach Sektoren (ambulant, stationär, Reha, Pflege, …) getrennten Einzelleistungen der etablierten Regelversorgung zu 80% gut waren (Ich setze bei den subjektiven Prozentwerten mal meine ganze Altersmilde ein). Aber dort, wo es aus der Sicht eines Patienten um sektorübergreifende, koordinierte, ergebnisorientierte Kooperation und gemeinschaftliche Verantwortung für den gesamten Behandlungspfad des Patienten geht, scheint mir die Versorgung zu 80% nicht zu funktionieren. Woran mache ich das fest?
Meine Bemühungen, die medizinischen Leistungen in Notfallmedizin, Krankenhaus, Hausarzt, Facharzt, Reha, Palliativteam, die Pflegeleistungen in Krankenhaus, Reha, ambulanter Pflegedienst, 7/24 Betreuungsdienst, die Hilfsmittelversorgung durch Hausarzt, Krankenhaus, Reha, drei Hilfsmittellieferanten, die pharmazeutische Versorgung der Krankenhäuser zusammen mit der Dorfapotheke, die organisatorischen Abstimmungen mit Krankenkasse, Pflegekasse, Entlassmanagement, Krankentransporten, … zu orchestrieren, hat es notwendig gemacht, dass ich meine Geschäftsführeraufgabe für neun Monate zu 50% reduzieren musste, um Schlimmstes zu verhindern und diesen letzten Patientenpfad menschlich zu gestalten. Ich frage mich: Was machen da die weniger Durchsetzungsstarken in diesem System? Mein Eindruck war ca. wöchentlich, dass wir den ersten Fall dieser Art aller Zeiten in Deutschland haben. Meines Wissens sterben in Deutschland aber ca. 100.000 Patienten innerhalb einer Jahresfrist an einem schweren Schlaganfall. Wo kann ich hier ein lernendes Gesundheitssystem erkennen?
So wirkt das auf mich
Ich teile die scheinbar mehrheitsfähige Auffassung, dass unser Gesundheitssystem nicht so bleiben kann wie es ist. Als Strategieberater ist dabei meine Frage, ob eine solche Veränderung
- den risikoärmeren aber viel langsameren Weg der Evolution gehen kann, oder
- ob ein riskanterer, disruptiver Systemwechsel der bessere Weg ist.
Mein subjektiver Eindruck ist, dass die Evolution zu langsam ist und zu kleine Fortschritte bringt. Ich habe also eine leichte Tendenz zur disruptiven Transformation, obwohl mir das Risiko völlig klar ist, dass das eine „Operation am offenen Herzen“ ist. Ich habe aber beste Erfahrungen damit gemacht, in einem kollektiv intelligenten Prozess alle Beteiligten und Betroffenen in den Prozess so einzubeziehen, dass nicht nur ein für alle attraktives Zielbild entsteht, sondern auch robuste Strategiepfade dorthin gefunden werden. „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“ (Raiffeisen). Und deshalb versuche ich mit meinem Eintritt, die Vielen in der DGIV um ein kleines Licht mehr zu machen.
Das wünsche ich mir
Ich wünsche mir, dass ich die Gelegenheit bekomme, die DGIV in ihren Rollen als
- Vordenkerin für sektorenübergreifende, populationsbezogene Versorgung,
- als Plattform für Krankenkassen, Leistungserbringer, Industrie, Beratungen und
- als Reformmotor jenseits der kollektivvertraglichen Logik zu stärken.
Ich wünsche mir den Mut, die aktuelle Identität als Think Tank weiterzuentwickeln zu einem Standardsetzer, der den §140a raus aus dem Experimentierraum bringt und zum neuen Standard macht und vielleicht sogar zu einem Systemintegrator. Warum nicht ein mutiger Systemwechsel zum Wohle aller Beteiligten und Betroffenen. Dort arbeiten genügend schlaue Leute. Es gibt intelligentes Leben auch außerhalb des eigenen Büros.
Größenwahn ist Minimum – Frohe Weihnachten!
Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen e. V. (DGIV), Dr. Albrecht Kloepfer, Michael Meyer Dr. Monika Raidl Dr. Martin Zimmermann Christoph Heumos
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